zusammengestellt von Daniel Fischer
Ausgabe 28
5.12.2006

Der Astronomie-Newsletter von Daniel Fischer ist ein neuer kostenloser Service von interstellarum, Ihrer Zeitschrift für praktische Astronomie.

Sein Inhalt besteht aus aktuellen Nachrichten für Amateurastronomen und Informationen für Abonnenten. Der Newsletter wird je nach Bedarf etwa im zweiwöchigen Rhythmus versendet – bei gegebenem Anlass werden Sie auch über Neuerscheinungen und Angebote des Oculum-Verlags informiert. Beiträge aus der Leserschaft sind ausdrücklich erwünscht! Bitte senden Sie aktuelle Bilder, z.B. von Planeten, Finsternissen oder anderen astronomischen Ereignissen wie gewohnt an die interstellarum-Redaktion. Mit Ihrer Einsendung erklären Sie sich sowohl mit einer Verwendung im Newsletter als auch im gedruckten Heft für einverstanden. Um nicht auf diesem Newsletter zu stehen, folgen Sie bitte den Hinweisen unter http://www.oculum.de/interstellarum/newsletter.asp.

5. Dezember, 1:25 MEZ Nördlichster Vollmond des Jahres, Deklination +26°56' (in Bonn)
6. Dezember, 4:34 + 5:43 MEZ Doppelte streifende Sternbedeckung durch den Mond in Süddeutschland
10. Dezember, Morgendämmerung »Beste Konstellation« des Jahres am Morgenhimmel, mit Merkur 1,0° vom Mars und 0,6° vom Jupiter entfernt; selten (das engste Trio in mindestens 70 Jahren) aber leider sehr tief am Abendhimmel.
12. Dezember, ca. 7:00 MEZ Konjunktion Jupiter – Mars mit 0,8° Abstand
14. Dezember, ca. 11:45 MEZ Maximum der Geminiden; zwar schlechtes Timing, aber immerhin der erste zuverlässige gute Schnuppenschauer ohne zu viel Mond seit den Perseiden 2005!

Aktuell: • Die Nova Cygni 2006 steigt immer weiter (s.a. vorletztes »Aktuell«) und hat um den 28. November erneut 10m erreicht! Die ausnehmend seltsame Lichtkurve hat sogar die Fachwelt in Bewegung gebracht: Messzeit mit dem Spitzer Space Telescope ist gebucht, und auch Amateure sind zur intensiven Überwachung des Sterns – als V2362 Cyg katalogisiert – aufgerufen (The Astronomer Electronic Circular # 2285 vom 30.11.2006). • Zwei Supernovae gleichzeitig in derselben Galaxie – NGC 1316 – sind derzeit zu beobachten: Am 19. Juni war dort SN 2006dd, am 5. November SN 2006mr entdeckt worden, und beide strahlen noch.

Cassiopeia-Veränderlicher nur Effekt von Microlensing? Spektren des Sterns, der normalerweise 12m hell ist aber bis auf 8m am 31.10. gestiegen war (siehe letztes »Aktuell«) und inzwischen wieder auf die alte Helligkeit gefallen ist, zeigen einen völlig normalen A-Stern (CBAT Electronic Telegram # 747 vom 21.11.2006) – was den Verdacht nährt, dass es sich in Wirklichkeit um einen konstant hellen Stern handelt, der lediglich deswegen heller erschien, weil ein anderer in die Sichtlinie trat und mit seiner Schwerkraft das Licht des A-Sterns Richtung Erde bündelte (The Astronomer 43 [Nov. 2006] 185-7). Es wäre das erdnächste derartige Microlensing-Ereignis, das je beobachtet wurde.

Die erste Sternbedeckung durch einen vorher schon bekannten Asteroidenmond wurde am 7. November in Japan beobachtet, als (22) Kalliope und (22) Kalliope I alias Linus einen Stern 9. Größe bedeckten – mindestens 8 Beobachter sahen ihn zweimal verschwinden. (CBAT Electronic Telegram # 733 vom 10.11.2006) Doppelbedeckungen sind seit Mitte der 1970-er Jahre schon oft gesehen und als Asteroidenmonde interpretiert worden – aber noch nie hatte man schon vorher durch andere Beobachtungen gewusst, dass es passieren würde (D. Dunham, PLANOCCULT 11.10.2006). • Saturn ist wieder gut zu beobachten, wie z.B. Bilder vom 2. Dezember und 7. November zeigen. • Mitte November standen Jupiter, Mars, Merkur und Venus beiderseits der Sonne: SOHO-Bilder vom 11. und 14. 11.

Ein dicker, einsamer Sonnenfleck, AR (10)923, zog Mitte November über die Sonnenscheibe – und wurde besonders gern beim Sonnenuntergang abgelichtet, so in Belgien, Griechenland und Kalifornien, wo er mit einer Fatamorgana und einem Green Flash zusammen auftrat. • Ein Sprite mitten aus Singapur heraus ist am 2.11. von YK Chia mit einer Videokamera erwischt worden – noch vor zehn Jahren galt das hochatmosphärische Phänomen an der Grenze zum Weltraum als extrem schwer zu beobachten.

SWAN geht mit Trümmerwolke – und die Leoniden bleiben blass

Während der Komet SWAN erheblich schwächer geworden ist aber bei hoher Vergrösserung immerhin eine interessante Wolke aus kleinen Fragmenten – eine Folge seines Ausbruchs Ende Oktober – zeigte, war die Teilchenwolke, die der Ursprungskomet der Leoniden in die Bahn der Erde für 2006 geschickt hatte, leider weniger gehaltvoll als von den meisten Theoretikern erwartet: Zwar gab es mehr Meteore als in normalen Jahren, aber die Zenitstundenrate kletterte kaum über 50. Eine längliche Wolke in der Nähe des Kerns von SWAN wurde mehrfach unabhängig entdeckt, zuerst mit einem Infrarotteleskop aber später u.a. auch von Bernd Gährken (links ein animiertes Bildpaar vom 16. November): Das war nach Berechnungen des Kometenkernbruchspezialisten Z. Sekanina »ein kompakter Haufen beachtlicher Kernfragmente, die der Hauptkern zum Zeitpunkt des kürzlichen Ausbruchs freisetzte.«

Für eine Wolke aus Minikernen denn ein einzelnes Kernfragment spricht die Verlängerung der (auch auch visuell gesichteten) Wolke entlang einer Linie fort vom Kern, was an ähnliche Erscheinungen nahe der Kerne B und G des Kometen Schwassmann-Wachmann 3 erinnert (CBAT Electronic Telegram # 738 vom 13.11.2006). Die Geometrie passt zu dem beobachteten Helligkeitsausbruch des Kometen in der Nacht 23./24. Oktober – von dem freilich nichts mehr übrig ist; die Lichtkurve zeigt steil nach unten, und Ende November scheint SWAN bereits schwächer als 8. Größe geworden zu sein. Je nach verwendeter Optik erschien der Komet recht unterschiedlich, z.B. auch am 3. und 2. Dezember und 27., 26., 25., 19. (dito), 18., 17. (dito), 15., 12. (dito), 10. und 9. November (dito) und auf Bildern des Astrostammtischs Heiligkreuz.

Komet McNaught entwickelt sich weiter ordentlich, womit für den Januar weiterhin manches möglich bleibt: ein Bild vom 26.11 zeigt ihn schon recht prächtig um die 8. Größe (unter schlechteren Bedingungen ist der tief stehende Komet allerdings kaum zu erkennen). Auch (visuelle wie fotografische) Beobachtungen vom 22., 19., 16., 15. (Beschreibung), 13., 10. und 9. November geben noch keinen Anlass zur Sorge, und die Staubproduktion steigt kräftig. Gleichwohl sollte man sich bei der Beurteilung seiner weiteren Entwicklung eines recht ähnlich gelagerten Falles erinnern: des Kometen C/2002 V1 (NEAT), der ebenfalls nahe an die Sonne kam, dessen Lichtkurve aber markant einknickte und der letztlich nur für SOHO eine große; Show bot, während Beobachter am Boden leer ausgingen. Komet Faye nicht uninteressant: Obwohl er nur etwa 10m erreicht hat, ist er überraschend einfach zu sehen und zu fotografieren. Neuer Komet erst 2009 im Perihel: Eine große; Leuchte wird C/2006 W3 (Christensen) vermutlich nicht, da er nach der jüngsten Bahn nicht näher als 3 AU an die Sonne herankommt – aber das geschieht erst 2009, während er jetzt noch 8 AU Sonnenabstand hat und trotzdem am 30. und 19. November schon mit 18. Größe zu erwischen war. Im August 2009 darf dann mit etwa 11. Größe gerechnet werden.

Die Leoniden erreichten das erwartete spitze Maximum gegen 5:30 MEZ am Morgen des 19. November, aber die Zenitstundenrate brachte es nur auf rund 50: Damit kam von drei drei im letzten Newsletter erwähnten Prognosen die russische – über die ausser in Fachkreisen sonst kaum gesprochen worden war – der Wahrheit am nächsten. Allenfalls sehr schwache Meteore, die nur für bildverstärkte Videokameras zu sehen waren, scheinen auch eine Viertelstunde lang höhere Raten geschafft zu haben. Auch mit unverstärkten war etwas zu sehen, wie Lüthen und Gährken beweisen, und auch ein paar Fotos gelangen. 13 949 Meteore in einem Monat: Der Oktober 2006 war der mit Abstand erfolgreichste in der Geschichte des Videokameranetzes der IMO, insgesamt waren 22 Kameras im Einsatz, die 2117 Stunden Daten lieferten, wobei vier davon jeweils über 1000 Meteore sahen. Eine helle Feuerkugel am Morgen des 23. November sorgte für einiges Aufsehen, und ein spektakuläres Bild fand später weite Verbreitung. Ein Meteoritenfall in Bayern ist möglich, aber es fehlen leider weitere gute Aufnahmen.

Spuren aktueller Mondaktivität: Auch Amateurbeobachter sind gefragt!

Irgendetwas hat in der Ina-Struktur auf dem Mond »kürzlich« den Regolith entfernt, jenes Staub-Geröll-Gemisch, das Jahrmilliarden kosmischen Bombardements eigentlich überall auf seiner Oberfläche hinterlassen haben sollten: Hier jedoch ist für Schultz et al. (Nature 444 [9.11.2006] 184-6) das topografische Relief zu sauber erhalten, es gibt zu wenig kleine Impaktkrater und das Lichtspektrum des Bodens ist zu »frisch«. Nach ihrer Analyse sind Teile der Ida-Struktur nur 10 Millionen Jahre alt, und sie verändert sich womöglich heute noch: Als Erklärung schlagen sie episodische Ausgasungen aus dem Mond vor, die auch heute noch gelegentlich stattfinden und stark genug sind, den Regolith wegzublasen, ein seltener Fall von »Wind« auf dem Mond. Auch die Existenz radioakiver Gase in der Umgebung des Mondes würde dazu passen – aber um der Natur der austretenden Gase auf die Spur zu kommen, sind weitere Beobachtungen, auch vom Erdboden aus, dringend erforderlich. Die immer wieder einmal von Amateurbeobachtern gemeldeten Lichterscheinungen (»Lunar Transient Phenomena«) gehören durchaus dazu, und eine koordinierte Beobachtungskampagne wird seitens der Mondforscher explizit gefordert! Wobei z.B. Amateure ein Leuchten registrieren und Alarm schlagen und dann große; Teleskope Spektren aufnehmen können.

»Mechanismus von Antikythera« entpuppt sich als kompler Finsternisrechner – vor über 2100 Jahren!

Modernste Untersuchungstechniken, profundes Wissen über die Komplexitäten der Mondbahn und etwas Fantasie scheinen jetzt die Entschlüsselung eines der sonderbarsten Fundstücke der Archäologie entscheidend vorangebracht zu haben: Der vor rund 2150 Jahren – vermutlich auf Rhodos – konstruierte »Mechanismus von Antikythera«, der 1901 in einem römischen Schiffswrack gefunden wurde, war offenbar ein aufwändiger Apparat zur Vorhersage von Mond- und Sonnenfinsternissen, der das astronomische Wissen der griechischen Antike mit 37 Zahnrädern praktisch umsetzte. Zwar sind nur noch 30 Räder oder Reste davon vorhanden, aber die Zahl ihrer Zähne sowie ihre relative Montage nebst ausgeklügelten Hebelmechanismen – dank neuer Computertomografie besser denn je zu erkennen – passen erstaunlich gut zum damaligen Wissen über die Mondbahn und die Rhythmen, die hinter der Wiederkehr von Finsternissen stecken. Wobei die Mathematik mit so wenig Technik wie möglich umgesetzt wurde.

Zyklen, die man bereits in Babylonien etablierte, finden Freeth et al. (Nature 444 [30.11.2006] 587-91) in dem Räderwerk ebenso wieder wie Hipparcos' Theorie der aufgrund ihrer Elliptizität irregulär erscheinenden Mondbahn: Ihre Analyse gilt bereits als »neuer Standard für weitere Forschung« und ersetzt frühere Rekonstruktionsversuche (Charette, ibid. 551-2). Der Apparat, der vermutlich mit einer Handkurbel bedient wurde und sogar Spuren einer Gebrauchsanweisung erkennen lässt (über 2000 Buchstaben lassen sich jetzt entziffern), offenbart demnach einen unerwarteten Grad technischer Ausgereiftheit – der aber z.B. nicht zur Konstruktion präziser mechischer Uhren führte. Vermutlich sah man schlicht keinen Grund dafür und beschaffte sich Mechanismen wie den den Antikythera schlicht aus intellektuellem Interesse oder als Statussymbol (Marchant, ibid. 534-8). Auch verliert sich die Spur dieses profunden Wissens gleich wieder, doch das muss nicht heissen, dass es tatsächlich verloren ging: Vielleicht wurde es ausschliesslich mündlich überliefert, in Arabien konserviert – und tauchte erst im europäischen Mittelalter in der Konstruktion komplizierter astronomischer Uhren wieder auf?

Erstaunlicher Flare auf einem Stern

Hundertmillionenmal stärker als ein typischer Sonnenflare war ein Ausbruch auf dem Stern II Pegasi, der vom Burst Alert Telescope auf dem Satelliten Swift vor einem Jahr entdeckt wurde: Der Sternflare war so stark, dass er für den Detektor wie ein Gamma Ray Burst erschien – und das Röntgenteleskop auf dem Satelliten sogar blendete. Wahrscheinlich hängt die Stärke des Flares mit einem engen Begleiter des Sterns zusammen, der beide durch Gezeitenkräfte zu rascher Rotation (einmal in 7 Tagen) zwingt: Dadurch wird sein Magnetfeld viel stärker verdrillt als es z.B. heute auf der Sonne geschieht. Als sie noch jung war, dürfte es auch hier gewaltige Flares gegeben haben. Damit ist es lange vorbei, und das ist auch gut so: Würden sich auf ihr weiter ähnliche Flares wie auf dem zum Glück 135 Lichtjahre entfernten II Peg ereignen, dann käme es auf der Erde jedes Mal zu einem Massensterben. Zwanzig neue Sterne in der Nähe der Sonne hat das Research Consortium on Nearby Stars (RECONS) gefunden, das seit 1999 mit kleinen Teleskopen in Chile auf der Suche ist: Alle sind Rote Zwerge, die nunmehr 239 der 348 bekannten Objekte in 10 Parsec Radius ausmachen. 7 von 10 Sternen sind Milchstraße dürften Rote Zwerge sein – und nicht einer ist mit dem blossen Auge zu sehen.

IR-Bilder zeigen: Andromedanebel Opfer eines Frontalzusammenstosses

Eine bisher übersehene Ringstruktur im Innenbereich von Messier 31 haben Block et al. (Nature 443 [19.10.2006] 832-4) mit dem Spitzer Space Telescope entdeckt: Erst wenn man ein Bild bei 3,6 µm von einer Aufnahme bei 8 µm subtrahiert und damit warmen Staub und große; Moleküle isoliert, wird der 1,5 x 1 Kiloparsec große; und um 500 Parsec gegen das Zentrum der Galaxis versetzte Ring sichtbar. Ebenso wie ein schon lange bekannter Staubring mit 20 kpc Durchmesser, der ebenfalls gegen das Zentrum von M 31 versetzt ist, wird auch der neue als Dichtewelle interpretiert, die durch die Galaxie läuft, als Folge eines nahezu frontalen Zusammenstosses mit einer anderen Galaxie, höchstwahrscheinlich Messier 32. Computersimulationen solch einer Kollision – vor 210 Millionen Jahren – reproduzieren das Infrarotbild jedenfalls ziemlich gut. Die berühmte Wagenradgalaxie ist ein ganz ähnlicher Fall, wo man die Ringstrukturen sogar direkt im Licht von Sternen sehen kann: Hier war der Impaktor wohl viel massereicher als bei M 31. Aber weil uns die Andromedagalaxie viel näher liegt, lassen sich die Folgen der Kollision letztlich genauer untersuchen.

Zwei Fälle von fernen Galaxien, die Gravitationslinsen drastisch heller erscheinen lassen und die sich dadurch besser untersuchen lassen, sind kürzlich bekannt geworden: der 8 O'Clock Arc (weil er um 8 Uhr abends entdeckt wurde) mit einer Rotverschiebung von z=2,7 und zwei weitere Bögen mit z=3,1. Dank der erheblichen Lichtverstärkung können die Galaxien aus der Jungend des Kosmos (die nun 19m bzw. 20m hell erscheinen) vergleichsweise einfach spektroskopiert werden. Die Gravitationslinse mit dem grössten Abstand der beiden Bilder eines Quasars – 22½ Bogensekunden – haben Inada et al. entdeckt: Verantwortlich ist ein Galaxienhaufen mit z=0,6, der gelinste Quasar hat z=2,2. Ein früher einmal behaupteter Fall mit einem Abstand der Quasarbilder von 33" gilt inzwischen als fragwürdig und wurde nie richtig publiziert (persönliche Mitteilungenn A. Marble 20. + N. Inada 22.11.2006), so dass der neue Fund einstweilen als Rekordhalter gelten darf.

Zu metallreich: Zwerggalaxien nicht die Bausteine der großen Sternsysteme?

Die Zwerggalaxien rund um die Milchstraße haben sich bei Messungen des Dwarf galaxies Abundances and Radial-velocities Teams (DART; Helmi et al., Ap.J. 651 [10.11.2006] L121-4) als überraschend metallhaltig – sprich: reich an chemischen Elementen schwerer als Helium – erwiesen: Damit unterscheiden sie sich chemisch markant von jenen »Bausteinen«, aus denen sich die Milchstraße nach gängiger Vorstellung einst gebildet hat. Nun muss man den heutigen Zwerggalaxien natürlich gestatten, sich in den letzten zehn Jahrmilliarden chemisch weiterentwickelt zu haben, aber die DART-Messungen zeigen klar, dass die sich die vier nahen Zwerggalaxien des dSph-Typs Sculptor, Fornax, Sextans und Carina grundsätzlich von den Milchstraßenbausteinen unterscheiden. Zwar sind die untersuchten Zwerge insgesamt metallarm und enthalten alte Sternpopulationen, aber es konnte kein einziger Stern mit einer Metallizität unter [Fe/H] ~ 3 dex aufgespürt werden.

Die Zwerge wurden ergo bereits sehr früh – und überall gleich stark – mit schweren Elementen angereichert, während dies für den Halo der Milchstraße nicht gilt, der mithin nicht aus diesen Galaxien entstanden sein kann. Mögliche Erklärungen wären eine Entstehung der Galaxienbausteine lange vor den Zwerggalaxien, die sich demnach erst vor etwa 12 Mrd. Jahren bildeten, als das intergalaktische Medium bereits angereichert war. Oder die Sternbildungsgeschichte verlief ganz anders in beiden Objekttypen: Weitere chemische Untersuchungen an Zwerggalaxien könnten das klären. Ein fliessender Übergang zwischen Zwerggalaxien und Kugelsternhaufen ist für van den Bergh (Nature 444 [9.11.2006] 157-8) angesichts zahlreicher neuer Entdeckungen besonders winziger Zwerge nicht mehr zu leugnen: Manche Kugelhaufen sind 100-mal leuchtkräftiger als diese Winzlinge. Was ist dann überhaupt noch eine Galaxie? Viel Dunkle Materie in einem Objekt könnte man als entscheidendes Kriterium heranziehen (nie wurde welche in einem Sternhaufen gefunden), aber das ist bei den Zwergen leider kaum zu messen.

Wie eine große; Galaxie gerade aus Bausteinen entsteht, lässt sich bei der »Spiderweb Galaxy« (der Radiogalaxie MRC 1138-262 mit z=2,2) direkt beobachten: Miley et al. (Ap.J. 650 [10.10.2006] L29-32) haben mit Hubble über 10 klumpige Fragmente gesichtet, bei denen es sich offenbar um 1 bis 5 Kiloparsec kleine Galaxien mit Sternbildung handelt, die gerade – d.h.: vor 11 Mrd. Jahren – mit der großen verschmelzen. (Weil sie den Hubble-Beobachtern wie Fliegen in einem Spinnennetz erschienen, haben sie der Galaxie auch ihren Namen gegeben.) Mehrere dieser Galaxien sind markant strichförmig und ähneln jenen fernen Objekten, die man auch in Scharen im Hubble Deep Field findet: Offenbar entstehen sie in solch einer dichten und dynamischen Umgebung besonders gerne. Und weil sie im frühen Kosmos so häufig sind, dürften sie auch eine wichtige Quelle der damaligen Sternbildung sein. Wobei ihre genaue Natur allerdings unklar bleibt und auch zu klären ist, ob es solche »linearen Fliegen« generell rund um wachsende große; Galaxien gibt.

Das neue Jahrbuch ist da: Das astronomische Jahr 2008

Wie lange dauert es, alle relevanten Informationen für einen Beobachtungsabend zusammenzustellen?

Das Astronomische Jahr ist ein Jahrbuch der neuen Generation, das Astronomie-Interessierten hilft, sich in der Flut der heute vorhandenen Daten zurechtzufinden, indem es die wesentlichen Informationen herausfiltert und gleichzeitig praxisorientiert aufbereitet:

  • Alle Himmelsdaten einer Kalenderwoche sind übersichtlich auf zwei gegenüberliegenden Seiten dargestellt.
  • Blättern und zeitintensives Zusammensuchen von Informationen für einen Beobachtungsabend entfallen.
  • Wichtige Ereignisse sind thematisch gruppiert und auf einen Blick zu erkennen.
  • Alle Informationen sind in leicht verständlichen Grafiken umgesetzt.
  • Auf Wunsch können auch alle Daten ganz genau in der umfassenden Tabelle nachgeschlagen werden.
  • Die dort aufgelisteten Ephemeriden können Dank Farbcodierung besonders schnell erfasst werden.

Besonderer Wert wurde darauf gelegt, dem Beobachter alle notwendigen astronomischen Größen an die Hand zu geben, die für die eigene Beobachtung entscheidend sind. Mehr noch: Im Astronomischen Jahr sind erstmals bisher nur schwer verfügbare Daten zu finden, wie beispielsweise die grafische Darstellung der Uranus-, Neptun und Marsmonde. Darüber hinaus soll eine Auswahl ungewöhnlicher Himmelsereignisse neue Anregungen für eigene Beobachtungen geben, so wie es aus der Zeitschrift interstellarum bereits bekannt ist.

In der Ausgabe für 2008 wurden gegenüber dem Vorjahr verbessert:

  • größere Schrift, einfacher lesbare Tabellen
  • ausführliche Beschreibung eines Wochenereignisses in Wort und Bild
  • Jahresübersicht der wichtigsten Ereignisse
  • optimiert für die Lesbarkeit mit roten Taschenlampen

Friedrich, Susanne, Friedrich, Peter, Schurig, Stephan: Das Astronomische Jahr 2008 – Woche für Woche Daten und Grafiken zur eigenen Beobachtung der Gestirne. Oculum-Verlag, Erlangen, September 2008. 128 Seiten, 13 Karten, wasserabweisende Oberfläche, kartoniert 30cm×21cm, durchgehend farbig. ISBN 978-3-938469-19-4, 9,90 EUR + Porto/Versand

Inhaltsverzeichnis und Beispielkarten unter http://www.oculum.de/oculum/titel.asp?Nr=33

Bestellen Sie hier!

Management astronomischer Daten tut not!

Die Datenfluten, die moderne Teleskope mit erheblichem – auch finanziellem – Aufwand produzieren, sind der Weltgemeinschaft der Astronomen nicht in dem Masse frei zugänglich, wie es wünschenswert wäre: Vor und in einer Special Session auf der IAU-Hauptversammlung im August in Prag wurde daher ein Astronomers Data Manifesto formuliert, das im Endeffekt zu einer Art Kodex für astronomisches Datenmanagement führen soll. Heute taucht ein gewichtiger Anteil der Daten, auf denen publizierte Forschungsarbeiten basieren, nie in Datenzentren auf, wo andere Astronomen leicht darauf zugreifen können. 2003 hatte die IAU eine Resolution verabschiedet, nach der Daten, die die Öffentlichkeit bezahlt hat, auch jedermann zur Verfügung stehen sollten, und einige Organisationen wie die ESO haben das auch längst umgesetzt – aber einige große; meist privat finanzierte Sternwarten nicht, obwohl deren eigene Astronomen kräftig auf die öffentlichen Daten der anderen zugreifen.

Die Erfahrung zeigt, dass gut organisierte Datenarchive ungeheuer produktiv sind: Zum Beispiel erscheinen inzwischen viermal so viele Arbeiten auf der Basis von Hubble-Archivdaten als von den Autoren selbst, die diese Daten einst gewannen. Da das finanzielle Schicksal vieler Observatorien von der Anzahl der Publikationen (und insbesondere dem »Impact«, also wie oft sie in anderen Arbeiten zitiert werden) abhängt dürfte sich eine offene Datenpolitik sogar konkret rechnen. Ein anderes Problem des Datenmanagements ist die engere Kopplung der Datenarchive an konkrete Veröffentlichungen: Hier ist noch viel Arbeit nötig, um z.B. Tabellen automatisch aus Papers zu extrahieren und in Datenarchive einzufügen – wenn das die Verlage hinter den Fachzeitschriften überhaupt gestatten (aber deren Rolle und Einfluss schwindet derzeit sowieso). Ebenfalls angegangen werden muss die »Digital Divide« zwischen Ländern mit verbreitetem Highspeed-Internetzugang und dem Rest der Welt, wo die Wissenschaftler stark benachteiligt sind. Und sicherzustellen, dass heutige (oder auch ältere) astronomische Daten auch morgen noch existieren und die Datenträger weiter lesbar sind, ist ein weiteres Riesenproblem.

Auch das noch: • Wie es in der wettermässig besten Zone für die ToSoFi 2008 aussieht, in NW-China östlich von Hami, hat zwei Jahre vor dieser nächsten totalen Sonnenfinsternis überhaupt Jay Anderson erkundet – die Gegend ist, so abgelegen sie scheinen mag, erstaunlich hoch entwickelt. Und es gibt weitere spektakuläre 2006-er Koronen aus der Druckmüller'schen Werkstatt, diesmal aus Aufnahmen aus Ägypten erstellt.

Der Supernovarest von 1885 in M 31 hat eine chaotische Struktur, zeigen Hubble-Bilder der mit rund 12 000 km/s expandierenden Wolke in Linienabsorption vor dem hellen Hintergrund der Galaxie, die bei der Sternexplosion im Andromedanebel vor 121 entstand und inzwischen 0,8" groß geworden ist. Sie erscheint als durchbrochener, klumpiger Ring, was auf sogenannte Deflagration (einen eher langsamen Explosionsvorgang) bei Typ-Ia-Supernovae hindeuten könnte. Polarisationsmessungen an 17 Ia-Supernovae zeigen dagegen sowohl Klumpen als auch sphärisch expandierende Gase näher am Explosionszentrum: Die Deflagration scheint später in eine heftigere Detonation überzugehen, bei der anfängliche Inhomogenitäten wieder ausradiert werden.

Wie man einen »Time Inserter« für Videokameras baut, beschreibt in großer; Detailfülle Dangl. Neue Errungenschaften der Adaptiven Optik am Subaru-Teleskop auf dem Mauna Kea sind nun am Trapez demonstriert worden. TAOS sieht kaum kleine Kuiperoids: Im Gegensatz zum Nachweis per Röntgenteleskop registrieren taiwanesische optische Teleskope bisher kaum etwas, trotz mehrerer Milliarden Sternhelligkeitsmessungen – die Daten scheinen unvereinbar ...



Clear skies wünscht
Ihr Daniel Fischer
Informationen zum Newsletter sowie Hinweise zur An- und Abmeldung erhalten Sie unter www.oculum.de/interstellarum/newsletter.asp. Schreiben Sie uns, wenn Sie Fragen, Wünsche oder Anregungen haben, unter webmaster – Wir helfen gerne weiter!

Haftungsausschluss | Impressum